Bearbeiten von Diskussion:Der Meisterdieb

Aus MosaPedia

Wechseln zu: Navigation, Suche
Du bearbeitest diese Seite unangemeldet. Wenn du speicherst, wird deine aktuelle IP-Adresse in der Versionsgeschichte aufgezeichnet und ist damit unwiderruflich öffentlich einsehbar.
Um die Änderung rückgängig zu machen, bitte die Bearbeitung in der Vergleichsansicht kontrollieren und dann auf „Seite speichern“ klicken.
Aktuelle Version Dein Text
Zeile 53: Zeile 53:
Zitiert nach Heriner Boehncke und Hans Sarkowicz (Hgg.): ''Der fremde Ferdinand. Märchen und Sagen des unbekannten Grimm-Bruders'' = ''Die andere Bibliothek'' Band 428, Berlin, Aufbau-Verlag 2020.<br>Die haben das aber auch nur aus Gerd Hoffmann und Heinz Rölleke (Hgg.): ''Der unbekannte Bruder Grimm. Deutsche Sagen von Ferdinand Philipp Grimm'' (aus dem Nachlaß), Düsseldorf/Köln, Diederichs 1979. [[Benutzer:Tilberg|Tilberg]] 15:27, 24. Jun. 2022 (CEST)
Zitiert nach Heriner Boehncke und Hans Sarkowicz (Hgg.): ''Der fremde Ferdinand. Märchen und Sagen des unbekannten Grimm-Bruders'' = ''Die andere Bibliothek'' Band 428, Berlin, Aufbau-Verlag 2020.<br>Die haben das aber auch nur aus Gerd Hoffmann und Heinz Rölleke (Hgg.): ''Der unbekannte Bruder Grimm. Deutsche Sagen von Ferdinand Philipp Grimm'' (aus dem Nachlaß), Düsseldorf/Köln, Diederichs 1979. [[Benutzer:Tilberg|Tilberg]] 15:27, 24. Jun. 2022 (CEST)
:Auch wenn man sich wünschen würde, daß diese Burgeroberung eine Mosaikquelle gewesen könnte, kann sie den Mosaikmachern nicht bekannt gewesen sein. Sie erschien ja erst 1979 erstmals in einer Märchensammlung, die aus Ferdinand Grimms Nachlaß herausgegeben wurde. Aber nett zu sehen, daß nicht nur die Mosaikautoren die Idee hatten, sich von der Lichterkrebs-Geschichte zu einer Burgeroberung inspirieren zu lassen. [[Benutzer:Tilberg|Tilberg]] 15:29, 24. Jun. 2022 (CEST)
:Auch wenn man sich wünschen würde, daß diese Burgeroberung eine Mosaikquelle gewesen könnte, kann sie den Mosaikmachern nicht bekannt gewesen sein. Sie erschien ja erst 1979 erstmals in einer Märchensammlung, die aus Ferdinand Grimms Nachlaß herausgegeben wurde. Aber nett zu sehen, daß nicht nur die Mosaikautoren die Idee hatten, sich von der Lichterkrebs-Geschichte zu einer Burgeroberung inspirieren zu lassen. [[Benutzer:Tilberg|Tilberg]] 15:29, 24. Jun. 2022 (CEST)
-
 
-
== Meisterdieb in Island ==
 
-
{{zitat
 
-
|<poem>
 
-
<u>CXXVII. Rikkur, der listige Baumeister.</u>
 
-
Nach dem Manuskripte von Steingrimur Thorsteinsson.
 
-
 
-
Im Auslande lebte einst ein reicher Fürst, der eine einzige
 
-
Tochter besaß. Da ihm sein Schloß nicht mehr schön schien,
 
-
so ließ er sich eine neue Halle bauen und in dieser ein Zimmer,
 
-
in dem er sein Geld und seine Kostbarkeiten aufbewahren
 
-
wollte. Die eine Seite dieser Schatzkammer hatte ein Bau-
 
-
meister, namens Rikkur, zu bauen, der seinen Sohn, gleichfalls
 
-
Rikkur genannt, zum Gehilfen hatte. Um später unbemerkt in
 
-
dieses Zimmer zu kommen, setzte Rikkur der Alte einen Mauer-
 
-
stein und ein Brett nur lose ein — doch niemand wußte dies,
 
-
wie nur er und sein Sohn. Diesem sagte er, daß er in der
 
-
Schatzkammer heimlich nach ihm suchen solle, falls er einmal
 
-
ungewöhnlich lange ausbleibe. Der Fürst merkte, daß ihm
 
-
unbegreiflicherweise immer viel Geld gestohlen wurde, und
 
-
um den Dieb zu entdecken, ließ er ein Faß mit flüssigem
 
-
Pech vor der Geldkiste in die Erde graben. — Eines Tages
 
-
kommt Rikkur der Alte nicht nach Hause. Sein Sohn macht
 
-
sich mit einem Sacke und einem Lichte auf, um heimlich den
 
-
Vater zu suchen. Wie er auf dem gewohnten Wege in die
 
-
Schatzkammer eindringt, findet er den Vater in dem Pechfasse,
 
-
so daß nur der Kopf herausragt. An Rettung sei nicht zu
 
-
denken, meint der Alte, denn wenn er versuche, ihn heraus-
 
-
zuziehen, würde er nur vergeblich gequält und zerrissen
 
-
werden. Damit der Sohn und die ganze Familie nicht auch
 
-
dem sicheren Tode verfalle, solle ihm der Sohn den Kopf ab-
 
-
schlagen und ihn zu sich stecken. Da kein anderer Ausweg
 
-
möglich ist, so erfüllt Rikkur den Wunsch des Vaters, steckt
 
-
den Kopf in den Sack und geht nach Hause. Wie der Fürst
 
-
am andern Morgen die kopflose Leiche in der Tonne findet,
 
-
läßt er sie reinigen und dann durch alle Gassen der Stadt
 
-
tragen. Zwei Henkersknechte müssen in einem fort den Leich-
 
-
nam prügeln, und die übrigen Leute des Zuges müssen genau
 
-
beobachten, wer über diesen Anblick betrübt scheint. Als sie
 
-
an Rikkurs Hause vorbeikommen, und die Mutter sieht, wie
 
-
der Leichnam ihres Mannes behandelt wird, stößt sie einen
 
-
Schrei aus. Im gleichen Augenblicke schneidet sich Rikkur
 
-
bei der Arbeit ins Bein und läßt die Wunde von der Mutter
 
-
verbinden. Der Fürst faßt aber trotzdem Argwohn gegen
 
-
Rikkur. Vor seinem Hause wird darum ein Galgen errichtet,
 
-
der Leichnam daran gehangen und von zwei Henkersknechten
 
-
fortwährend gepeitscht. Die alte Frau erklärt, diesen Anblick
 
-
nicht ertragen zu können. Rikkur müsse sehen, wie er die
 
-
Leiche vom Galgen bekomme. '''Der junge Mann geht nun in'''
 
-
'''einen Kleiderladen und kauft sieben schwarze Mäntel und'''
 
-
'''mietet sieben braune Pferde. Dann bestreicht er die Mäntel'''
 
-
'''außen mit Leim und läßt sie von einem Goldschmied mit'''
 
-
'''Goldstaub bestreuen, so daß die Mäntel prächtig leuchten.'''
 
-
'''Draußen am Strande lag ein Schiff mit sechs Mann Besatzung,'''
 
-
'''die auf günstigen Wind warteten. Diese mietet Rikkur, hüllt'''
 
-
'''sich mit ihnen in die goldigen Mäntel und reitet dann in der'''
 
-
'''Dunkelheit mit seiner Schar zum Galgen. Sowie die Henkers-'''
 
-
'''knechte diese glänzende Erscheinung sehen, werden sie so er-'''
 
-
'''schrocken, daß sie davonlaufen. Nun nimmt Rikkur die'''
 
-
'''Leiche vom Galgen, gibt sie den Schiffern und bittet diese,'''
 
-
'''sie draußen in der See zu versenken.''' — — — Als auf
 
-
diese Weise der Fürst wieder nichts in Erfahrung bringen
 
-
kann, läßt er bekannt machen, daß in der ganzen Stadt
 
-
acht Wochen hindurch kein Mensch Fleisch essen oder ver-
 
-
kaufen dürfe. Nur ein einziges Kalb, das in seinem Vorrats-
 
-
hause bewacht würde, sei für achttausend Gulden verkäuf-
 
-
lich. Denn er meint, daß der Käufer des Kalbes, der so viel
 
-
Geld aufbringen könne, dann sicher auch der Dieb seiner
 
-
Schatzkammer sei. Wie drei fleischlose Wochen vergangen
 
-
sind, erklärt die Mutter Rikkurs, daß sie nicht länger ohne
 
-
Fleisch leben könne — sie wolle das Kalb lieber kaufen. Doch
 
-
davon will der Sohn nichts wissen. Er nimmt zwei Flaschen
 
-
vom stärksten Weine und geht mit ihnen heimlich eines Abends
 
-
zum Vorratshause. Er zecht mit den Wächtern, bis sie trunken
 
-
zu Boden fallen, dann tötet er das Kalb und bringt das Fleisch
 
-
seiner Mutter. Wie die Wächter erwachen, teilen sie dem
 
-
Fürsten den Diebstahl mit. Nun sendet dieser zwanzig Leute
 
-
durch die Stadt, die überall versuchen müssen, ob sie nicht
 
-
irgendwo etwas Fleisch bekommen können. Einer von diesen
 
-
kommt zur Mutter Rikkurs, wie der Sohn gerade nicht zu
 
-
Hause ist. Die Alte schlägt ihm zuerst seine Bitte ab, wirft
 
-
ihm aber schließlich ärgerlich ein Rückenstück zu. Der Mann
 
-
geht mit dem Fleischstück in der Hand zur Türe hinaus, doch
 
-
in demselben Augenblicke kommt Rikkur ins Haus, überblickt
 
-
das Geschehene, erschlägt den Mann und begräbt ihn heimlich.
 
-
Am Abend kommen nur neunzehn Männer zum Fürsten zurück,
 
-
und niemand weiß, wo der Fehlende geblieben ist. Nun be-
 
-
fragt der Fürst die Wächter, wie alt wohl der Mann sein könne,
 
-
der sie mit dem Weine berauscht habe. Sie meinen zwischen
 
-
zwanzig und dreißig Jahren. Jetzt werden vom Fürsten alle
 
-
jungen Leute der Stadt zwischen achtzehn und vierzig Jahren
 
-
zu einem großen Festgelage eingeladen. Wie sie alle betrunken
 
-
sind, wird ihnen ein großer Saal als gemeinsames Schlafgemach
 
-
angewiesen. Rikkur, der auch unter den Gästen war, überlegt
 
-
in der Nacht, was wohl auf dem Boden, zu dem vom Saal
 
-
aus eine Treppe führt, verborgen sein könne. Er beschließt,
 
-
die Sache zu untersuchen. Wie er hinaufkommt, findet er,
 
-
daß etwas Nasses ihm durchs Gesicht streicht. Er geht wieder
 
-
hinunter, beschließt aber zum zweiten Male, den Gang nach
 
-
oben zu unternehmen. Auch jetzt hat er das gleiche Gefühl.
 
-
Er nimmt einen Spiegel hervor und sieht nun, daß er im
 
-
Gesicht zwei rote Striche hat, die auf keine Weise sich ent-
 
-
fernen lassen. Nun geht er zum dritten Male hinauf, läßt sich
 
-
durch den nassen Strich durchs Gesicht nicht abhalten zu suchen,
 
-
bis er einen Menschen findet mit einem Farbtopfe in der Hand.
 
-
Nach kurzem Ringen entwindet er dem Unbekannten das Gefäß,
 
-
steigt wieder hinunter und streicht nun allen Männern im
 
-
Saale drei Striche durchs Gesicht. Am andern Morgen sucht
 
-
der Fürst seine Tochter auf. Denn diese hatte sich auf Befehl
 
-
des Vaters oben auf dem Boden mit einem Farbtopfe verstecken
 
-
und jedem, der von den Gästen es wagen sollte, zu ihr zu
 
-
kommen, einen Farbstrich durchs Gesicht geben müssen. Das
 
-
Mädchen erzählt nun, daß es entweder drei Männer auf diese
 
-
Weise gezeichnet habe, oder daß derselbe Mann dreimal ge-
 
-
kommen sei. Nun ist der Fürst gewiß, den kühnen Dieb zu
 
-
entdecken. Wie er jedoch in den Saal tritt, haben alle seine
 
-
Gäste drei rote Striche im Gesicht. Als auch diese letzte List
 
-
mißglückt ist, überlegt der Fürst, daß auf jeden Fall der Dieb
 
-
ein selten wachsamer und kluger Mann sein müsse. Ein
 
-
tüchtigerer Gatte würde für seine Tochter wohl nicht zu finden
 
-
sein. Er ladet nun nochmals alle jungen Leute zum Gastmahl,
 
-
und hier verkündigt er, daß er dem Diebe, der aus all diesen
 
-
Schlingen so klug sich gezogen habe, seine Tochter zur Frau
 
-
geben wolle. Nun gibt sich Rikkur zu erkennen, und die
 
-
Hochzeit wird gefeiert.
 
-
 
-
Köhler bespricht diesen Schwank, der bis zu Herodots
 
-
Erzählung vom [[Rhampsinit und der Meisterdieb|Schatze des Rhampsinit]] zurückgeht, ausführlich
 
-
bei Campbells schottischem Märchen „Vom schlimmen Burschen,
 
-
dem Sohne der Witwe" (Kl. Schr. S. 198 ff.). Er gibt hier von
 
-
den verschiedenen Bearbeitungen, die dieser Stoff erfahren hat,
 
-
ausführliche Inhaltsangaben, so daß wir nach ihnen wohl im
 
-
stande sind, zu beurteilen, welche Quelle dieser isländischen
 
-
Form des Schwankes wohl zu Grunde liegen mag. Zug um
 
-
Zug unserer Erzählung findet sich in einer Novelle des Floren-
 
-
tiners Ser Giovanni, der seine Novellen im Jahre 1378 zu
 
-
schreiben begann (Pecorone 9, 1). Ich gebe die Inhaltsangabe
 
-
wörtlich nach Köhler wieder:
 
-
„Bindo von Florenz baut einem Dogen von Venedig einen
 
-
Palast nebst Schatzkammer mit einem beweglichen Stein in der
 
-
Mauer. Kurze Zeit darauf gerät er in Armut und bestiehlt
 
-
mit seinem Sohne Richard den Schatz. Der Doge entdeckt
 
-
durch ein Strohfeuer jene Öffnung und läßt einen Pechkessel
 
-
darunterstellen und siedend erhalten. Beim nächsten Besuch
 
-
fallt der Vater hinein und läßt sich vom Sohne den Kopf ab-
 
-
schneiden. Am folgenden Tage wird die Leiche durch die
 
-
Straßen geschleppt, und weil die Mutter laut jammert, haut
 
-
sich der Sohn in die Hand. Hierauf wird die Leiche an den
 
-
Galgen gehängt und bewacht. '''Auf das Drängen der Mutter,'''
 
-
'''sie zu rauben, steckt der Sohn nachts zwölf Lastträger in'''
 
-
'''Mönchskutten und gibt ihnen Masken und Fackeln, steigt selbst'''
 
-
'''zu Pferde, maskiert, schwarzgekleidet und mit Fackeln, und'''
 
-
'''überrascht so die Wache, die ihn für Lucifer mit Höllengeistern'''
 
-
'''hält und die Leiche rauben läßt.''' Jetzt läßt der Doge zwanzig
 
-
Tage lang kein frisches Fleisch in Venedig verkaufen und dann
 
-
nur ein Kalb schlachten und das Pfund Fleisch davon für einen
 
-
Gulden feil bieten. Der Verkäufer soll merken, wer davon
 
-
kauft, denn der Doge nimmt an, daß der Dieb auch lecker
 
-
ist und es kaufen wird. Niemand kauft, aber die Mutter
 
-
Richards will gern davon haben. Richard verkleidet und beladet
 
-
sich mit Eiswaren und Wein und begibt sich nachts an den
 
-
Ort, wo das Fleisch verkauft wird, und läßt dort — unter
 
-
einem Vorwande — den Wein zurück, an dem sich die Wächter
 
-
berauschen und einschlafen, und stiehlt dann das ganze Fleisch.
 
-
Nun läßt der Doge hundert Arme bettelnd herumgehen, mit
 
-
dem Auftrage, aufzupassen, wo einer etwa Fleisch bekomme.
 
-
Wirklich gibt Richards Mutter einem Armen ein Stück Fleisch,
 
-
aber der Sohn begegnet ihm noch auf der Treppe und schlägt
 
-
ihn tot. Jetzt schlägt einer der Räte des Dogen vor, nachdem
 
-
man vergeblich durch Leckerei versucht habe, durch Üppigkeit
 
-
den Dieb auszukundschaften zu suchen. Fünfundzwanzig ver-
 
-
dächtige Jünglinge, darunter Richard, werden in den Palast
 
-
eingeladen und erhalten ihre Betten in einem Saale, wo auch
 
-
die schöne Dogentochter schläft. Sie hat heimlich einen Topf
 
-
mit schwarzer Farbe bei sich und soll dem, der zu ihr ans
 
-
Bett kommt, das Gesicht schwärzen. Keiner wagt es, dem
 
-
Bett der Schönen zu nahen, nur Richard umarmt sie zweimal.
 
-
Das zweite Mal merkt er, daß sie ihm das Gesicht schwärzt
 
-
Er nimmt nun den Topf und macht sich noch vier Striche, allen
 
-
andern aber zwei, drei, zehn Striche. So erscheinen am andern
 
-
Morgen alle gezeichnet, und der Anschlag des Dogen ist vereitelt
 
-
Da verspricht der Doge dem Täter die Hand seiner Tochter und
 
-
Verzeihung, und nun gesteht Richard alles" (Kl. Sehr. S. 203/4).
 
-
Dies ist der Inhalt der italienischen Novelle, und von
 
-
ihm weicht der isländische Schwank nur in einzelnen Neben-
 
-
sächlichkeiten ab. Im Isländischen stiehlt der Sohn nicht
 
-
mit dem Yater, sondern sucht ihn erst auf, wie er einmal
 
-
wider Erwarten lange von Hause fortbleibt. Bei Giovanni haut
 
-
sich der Sohn in die Hand, nach der isländischen Erzählung
 
-
ins Bein. Zwölf Lastträger als Mönche verkleidet und er selbst
 
-
in schwarzem Gewände zu Pferd erschrecken im Italienischen
 
-
die Wächter am Galgen — im Isländischen sind es sieben be-
 
-
rittene Leute in Goldgewändern. Nur zwanzig Tage sollen die
 
-
Venetianer kein Fleisch essen oder sonst von dem einen Kalbe
 
-
ein Pfund Fleisch für einen Gulden kaufen, nach der isländischen
 
-
Erzählung dauern diese Fasten jedoch acht Wochen, und das
 
-
Kalb ist für achttausend Gulden verkäuflich. Hundert Arme
 
-
betteln bei Giovanni um Fleisch, während im Isländischen nur
 
-
von zwanzig Leuten die Rede ist. Fünfundzwanzig verdächtige
 
-
Jünglinge werden vom Dogen in den Palast eingeladen und
 
-
müssen in der Nacht im gleichen Saale mit der schönen Dogen-
 
-
tochter schlafen. Der Fürst hingegen ladet alle Männer zwischen
 
-
achtzehn und vierzig Jahren zu einem Gastmahl und weist
 
-
ihnen nachher, wie sie betrunken sind, einen gemeinsamen
 
-
Schlafsaal an, ohne daß sie jedoch wissen, daß von hier aus
 
-
die Tochter des Gastgebers zu erreichen ist. Die Dogentochter
 
-
schwärzt dem zu ihr Kommenden das Gesicht, und Richard
 
-
versieht darum alle im Saale ebenso wie sich selber mit einer
 
-
beliebigen Anzahl von Strichen. Die Tochter des Fürsten
 
-
zeichnet Rikkur dreimal mit einem roten Striche, infolgedessen
 
-
bekommen auch alle übrigen von ihm drei Striche ins Gesicht
 
-
gezeichnet.
 
-
 
-
Dies sind die nebensächlichen Züge, in denen beide
 
-
Schwanke voneinander abweichen, und die sich nur durch die
 
-
immer etwas ungenaue mündliche Überlieferung erklären lassen.
 
-
Denn wenn der isländische Erzähler (aller Wahrscheinlichkeit
 
-
nach ein alter Sattelmacher, namens Jön, aus der Rángárvalla-
 
-
sýsla) den doch seltenen Pecorone des Ser Giovanni in irgend
 
-
einer Übersetzung vor Augen gehabt hätte, würde er seine
 
-
Vorlage genauer wiedergegeben haben. Eine andere Frage
 
-
ist freilich noch die, ob beide Erzählungen nicht unabhängig
 
-
voneinander einer gemeinsamen Quelle gefolgt sind. Denn
 
-
auch die italienische Vorlage weist — soweit ich es nach
 
-
Köhlers kurzer Inhaltsangabe beurteilen kann — zwei Züge
 
-
auf, die verraten, daß die Erzählung ursprünglich an einem
 
-
andern Orte wie gerade Venedig gespielt haben muß. Der
 
-
Leichnam des Vaters wird „durch die Straßen" geschleppt,
 
-
und die zwölf Lastträger, die den Leichnam vom Galgen rauben
 
-
sollen, werden vom Sohne des Diebes zu Pferde angeführt. —
 
-
Beides doch Züge, die in Venedig nicht gut am Platze er-
 
-
scheinen. — Was den Namen des Listigen, „Rikkur", anbetrifft,
 
-
so könnte er ganz gut aus Ricardo verstümmelt worden sein.
 
-
Er findet sich sonst nicht im Isländischen, wenigstens weist
 
-
der Artikel „Um Islenzk mannanöfn" (Safn til sögu Islands og
 
-
fslenzkra bökmenta III 4 S. 659 ff.) nur die aus dem Deutschen
 
-
gebildete Form Rikkard nach.
 
-
</poem>}}
 
-
 
-
aus Adeline Rittershaus: ''Die neuisländischen Volksmärchen. Ein Beitrag zur vergleichenden Märchenforschung'', Halle 1902, S. 451ff
 
-
 
-
[[Benutzer:Tilberg|Tilberg]] 11:21, 16. Jul. 2022 (CEST)
 
-
 
-
== Meisterdieb in Venedig ==
 
-
Und hier der Text dieser oben von Rittershaus kurz wiedergegebenen Novelle von Ser Giovanni: (https://www.projekt-gutenberg.org/floerkeh/liebesno/chap003.html)
 
-
 
-
{{Zitat|
 
-
<poem>
 
-
<u>Ser Giovanni Fiorentino</u>
 
-
 
-
Über ihn ist so gut wie nichts bekannt, er war wahrscheinlich Notar und schrieb seine Novellen – den Pecorone –, wenn man dem einleitenden Gedicht glauben darf, von 1378 an.
 
-
 
-
Der Baumeister und sein Sohn, der Meisterdieb, die 1. Novelle des 9. Tages. Nach der Übersetzung von A. Keller bearbeitet. Die älteste Quelle dieser Novelle ist bei Herodot II, Kap. 121 ([[Rhampsinit und der Meisterdieb|Das Schatzhaus des Königs Rampsinit]]).
 
-
 
-
<u>Der Baumeister und sein Sohn, der Meisterdieb</u>
 
-
 
-
In der hochedlen Stadt Venedig lebte einst ein Doge, der ein hochherziger, weiser und reicher Mann war und vorsichtig und klug in allen Stücken, mit Namen Messer Valeriano di Messer Vannozzo Accettani. Bei der Hauptkirche zu Sankt Markus in Venedig war ein Glockenturm, der schönste und reichste, den es geben konnte und der Hauptstolz Venedigs zu jener Zeit. Dieser Turm war nun aber auf dem Punkte einzustürzen wegen einiger Fehler in den Fundamenten. Deshalb ließ der Herr Doge in ganz Italien nachforschen und ausschreiben, wer es übernehmen wolle, besagten Turm auszubessern, möge zu ihm kommen, er solle Geld bekommen, soviel er zu fordern und zu verlangen Lust habe. Da entschloß sich ein wackerer florentinischer Meister namens Bindo, welcher zu Florenz wohnte und vernahm, wie es mit dem Turme stehe, das Unternehmen zu wagen, brach also mit seinem Sohne und seiner Frau von Florenz auf und ging nach Venedig. Als er den Turm sah, nahm er sich vor, ihn auszubessern, ging zum Dogen und sprach: »Gnädiger Herr, ich komme hierher, um Eurem Turme zu helfen.« Darüber erwies ihm der Doge große Ehre und sagte unter vielem anderen: »Lieber Meister, ich bitte Euch, beginnt nur Eure Arbeit so bald als möglich! Ich will auch zusehen.« »Das soll geschehen, gnädiger Herr«, versicherte der Meister. Und sogleich ordnete er die Arbeit an, und durch großen Fleiß richtete er in kurzer Zeit den Turm dergestalt wieder her, daß er schöner war als zuvor. Das machte nun dem Dogen große Freude, und man gab dem Meister das Geld, das er verlangte, machte ihn zum Bürger von Venedig und verlieh ihm ein reiches Einkommen. Ferner sagte er zu ihm: »Nun sollt Ihr mir einen Palast bauen, welcher eine Kammer enthalte, in die der ganze Schatz und alles Tischgerät der Gemeine von Venedig niedergelegt werden können.« Der Baumeister traf sogleich alle Anstalten, um besagten Palast zu errichten, und machte darein eine Kammer, die schöner und besser gelegen war als alle anderen, in welche der erwähnte Schatz kommen sollte. Dabei brachte er sehr listig und kunstreich einen Stein an, welcher heraus- und hineinging, in der Absicht, in die Kammer nach seinem Gefallen einzudringen; von diesem Eingang aber wußte kein Mensch als er. Als nun der Palast fertig war, ließ der Doge alles kostbare Gerät, mit Gold durchwirkte damastene Stoffe, Tapeten, Bankteppiche, Mäntel und andere Gegenstände und Gold und Silber in Menge in die Kammer bringen. Man nannte dies nun die Schatzkammer des Dogen und der Kommune von Venedig. Sie war mit fünf Schlüsseln verschlossen, deren vier die vier ersten Bürger Venedigs hatten, die dazu beauftragt waren und welche die Kämmerlinge des Schatzes von Venedig hießen; den fünften Schlüssel aber hatte der Doge. So konnte also die Schatzkammer nicht geöffnet werden, außer wenn alle fünf, welche die Schlüssel in Händen hatten, zugegen waren. Als nun dieser Bindo mit seiner Familie in Venedig lebte und Bürger geworden war, fing er an, Aufwand zu treiben und wie ein reicher Mann zu leben; und sein Sohn Ricciardo führte ein verschwenderisches Leben, so daß es ihnen in kurzem an Mitteln für ihren übermäßigen Aufwand fehlte. Da rief der Vater einst bei Nacht seinen Sohn, nahm eine kleine Leiter, ein zu diesem Zweck verfertigtes Eisen und ein wenig Mörtel mit, und so gingen sie zu dem Loche, das der Baumeister so kunstvoll in der Kammer angebracht hatte. Er legte die Leiter an, zog den Stein heraus, schlüpfte in die Kammer und entnahm ihr einen schönen goldenen Becher, der in einem Schranke stand, worauf er sie wieder verließ und den Stein an seine Stelle brachte. Zu Hause angelangt, zerkleinerten sie den Becher und schickten ihn stückweise zum Verkauf in einige lombardische Städte. Auf diese Weise setzten sie das ungeordnete Leben fort, das sie angefangen hatten.
 
-
 
-
Nun begab es sich, daß ein Kardinal nach Venedig zum Dogen kam, dem man besondere Ehre erzeigen wollte; und so mußte man die Kammer öffnen wegen des darin befindlichen Gerätes, Silberzeuges, Tapeten und anderer Dinge. Als man sie nun aufmachte und die besagten Gegenstände herausnahm, vermißte man den Becher. Darüber entstand nun unter den Verwaltern der größte Lärm, und sie gingen zum Dogen und sagten ihm, daß man den Becher nicht mehr sehe. Der Doge verwunderte sich und sagte: »Das müßt ihr untereinander ausmachen.« Und nach langem Hin- und Herreden befahl er ihnen, von der Sache nichts zu sagen, noch etwas deshalb vorzunehmen, bis der erwartete Kardinal wieder abgereist sei. Und so geschah es auch.
 
-
 
-
Der Kardinal kam, und es wurde ihm große Ehre erwiesen; als er aber fort war, sandte der Doge nach den vier Kämmerlingen und verlangte nun zu wissen, wo der Becher hingekommen sei. Er befahl ihnen, nicht eher aus dem Palast zu gehen, bis der Becher wiedergefunden sei, und sprach: »Ihr habt es allein zu verantworten.« Die vier Männer traten zusammen und besannen sich, wußten sich aber auf keine Weise zu erklären, wie der Becher fortgekommen sei. »Überlegen wir«, sagte einer von ihnen, »ob man in die Kammer auch auf anderem Wege gelangen kann als durch die Tür.« Sie schauten umher, erblickten aber nirgends eine Öffnung. Um sich aber genauer zu überzeugen, ließen sie die Kammer mit feuchtem Stroh füllen, zündeten es an und verschlossen die Tür und die Fenster, damit der Rauch nicht hinaus könne. Als nun das feuchte Stroh brannte, entstand ein so dichter Qualm, daß er durch die Fugen jenes Steines hinausdrang. So merkten sie denn, von welcher Seite der Schaden kam, gingen zum Dogen und sagten ihm, wie die Sache stehe. »Haltet es geheim«, sagte dieser, »dann können wir den Dieb über der Tat ertappen.« Dann ließ er einen Kessel mit Pech in der Kammer unter dem Loche aufstellen und darunter Tag und Nacht ein Feuer unterhalten, so daß das Pech beständig sott.
 
-
 
-
Als nun das aus dem Pokal erlöste Geld zu Ende war, gingen der Meister und der Sohn eines Nachts wieder an die Öffnung, nahmen den Stein heraus, und der Meister stieg hinein und fiel in den immer siedenden Kessel. Als er nun bis zum Gürtel im Kessel stand und nicht mehr loskommen konnte, hielt er seinen Tod für gewiß. Er faßte daher schnell seinen Entschluß, rief seinen Sohn und sprach: »Mein Sohn, ich bin des Todes; darum schneide mir den Kopf ab, damit der Betrug nicht entdeckt werde, und nimm den Kopf mit dir und verscharre ihn an einem Orte, wo er nicht gefunden wird! Tröste deine Mutter und suche auf eine vorsichtige Weise davonzukommen! Und wenn dich jemand nach mir fragt, so sage, ich sei in Geschäften nach Florenz gegangen.«
 
-
 
-
Der Sohn fing an, zu weinen und jämmerlich zu klagen, schlug sich an die Brust und rief: »Wehe, mein Vater!« Der Vater aber sagte: »Mein Sohn, es ist besser, es stirbt einer, als zwei, und darum tu, was ich dir sage, und eile!« Da schnitt der Sohn dem Vater den Kopf ab und trug ihn hinweg, der Rumpf aber blieb im Kessel und sott in dem Peche dermaßen, daß das Fleisch sich ganz ablöste und er wie ein Skelett wurde. Der Sohn kehrte heim und begrub den Kopf des Vaters, so gut er es vermochte, und dann sagte er es der Mutter. Als sie nun eine große Wehklage erheben wollte, kreuzte der Sohn die Arme über der Brust und sagte: »Wenn Ihr Lärm macht, sind wir in Gefahr, ums Leben zu kommen; darum, liebe Mutter, seid besonnen!« Damit brachte er sie zur Ruhe. Am folgenden Morgen wurde der Leichnam gefunden und zum Dogen gebracht, welcher sich über diese Sache außerordentlich verwunderte; und da er sich nicht denken konnte, wer es sei, sprach er: »Weil hier offenbar zwei im Spiele sind, wollen wir, nachdem wir den einen gepackt haben, nun auch den anderen packen.« Da sagte einer der vier Verwalter: »Ich habe einen Gedanken, nämlich folgenden: es ist nicht möglich, daß er nicht Weib oder Kinder oder sonstige Verwandte in dieser Stadt habe; lassen wir daher den Körper durch die ganze Stadt schleppen und schicken Wachen mit, daß sie beobachten, ob jemand weint oder jammert; und wenn jemand dabei betroffen wird, so soll man ihn verhaften und verhören. Auf diese Weise werden wir wohl den Mitschuldigen finden.« So wurde es beschlossen, und sie ließen den Körper in der ganzen Stadt umherschleifen, gefolgt von Wachen. Als sie nun an sein Haus kamen, trat die Frau ans Fenster, und als sie den Leichnam ihres Gatten so mißhandeln sah, stieß sie einen heftigen Schrei aus. Da rief der Sohn: »Wehe, meine Mutter, was macht Ihr?« Er war aber schnell besonnen, ergriff ein Messer, schnitt sich in die Hand und brachte sich eine große Wunde bei. Sowie die Wachen den Schrei vernahmen, den die Frau ausstieß, liefen sie in das Haus und fragten die Frau, was sie habe. Der Sohn antwortete: »Ich habe mit diesem Messer geschnitten und mich an der Hand verletzt. Deswegen hat meine Mutter einen Schrei ausgestoßen, im Glauben, ich hätte mich schlimmer verwundet, als es geschehen ist.« Als die Wachen die Hand bluten und die Wunde sahen, und was sich begeben hatte, glaubten sie es ihm und zogen im ganzen Bezirk umher, ohne jemanden zu finden, der sich darüber auch nur erregt gezeigt hätte. Sie kehrten also unverrichteter Dinge zum Dogen zurück, und man faßte nun den Entschluß, den Leichnam auf dem Markte aufzuhängen und gleichfalls – aber im verborgenen – Wachen dazu zu stellen, damit sie Tag und Nacht aufpaßten, ob jemand komme, um den Toten zu bejammern oder zu beweinen. So wurde er auf dem Platze an den Füßen aufgehängt und die Wachen verborgen postiert, um Tag und Nacht achtzugeben, ob niemand käme, ihn zu beweinen oder zu bejammern. Es verbreitete sich das Gerücht in der Stadt, der Leichnam sei auf dem Platze aufgehängt, und viel Volks ging hin, um ihn zu sehen. Als nun die Frau davon hörte, sagte sie oftmals zu ihrem Sohne, es sei dies für sie die größte Schmach, daß der Vater auf diese Weise aufgehängt sei. Der Sohn antwortete: »Liebe Mutter, seid um Gottes willen ruhig; daß sie so mit dem Leichnam verfahren, geschieht nur, um mich zu erwischen. Habt nur eine Weile Geduld! Dieses Mißgeschick wird auch vorübergehen.« Die Mutter aber konnte es nicht aushalten und sagte mehrmals: »Wäre ich ein Mann, wie ich ein Weib bin, so müßte ich ihn nicht jetzt erst abnehmen; und wenn du ihn nicht herunternimmst, so gehe ich selbst einmal bei Nacht hin.« '''Als der Jüngling den festen Entschluß seiner Mutter sah, besann er sich, wie er den Leichnam losmachen könne. Er kaufte also zwölf schwarze Mönchskutten, ging eines Abends an den Hafen, holte sich zwölf Lastträger und führte sie durch eine Hintertür seines Hauses in eine kleine Stube, wo er ihnen zu essen und zu trinken gab, soviel sie Lust hatten. Und als er sie gehörig in Weinlaune versetzt hatte, zog er ihnen die Mäntel an, band ihnen Masken vors Gesicht und gab jedem eine brennende Fackel in die Hand, wodurch sie ein Aussehen bekamen wie Teufel aus der Hölle, so sehr waren sie durch diese Larven entstellt. Er selbst stieg auf ein Pferd, ganz in Schwarz gehüllt, und die Pferdedecke war voller Haken, und an jedem Haken war eine brennende Kerze befestigt; vor das Gesicht aber hatte er eine abenteuerliche Maske gebunden. So stellte er sich an ihre Spitze und sagte zu ihnen: »Tut, was ihr mich werdet tun sehen.« So begaben sie sich nach dem Platze, auf welchem der Leichnam aufgehängt war, und rannten auf dem Platze hin und her. Es war Mitternacht vorüber und die tiefste Finsternis. Als nun die Wachen diese seltsame Erscheinung sahen, fürchteten sie sich und meinten, es seien böse Gespenster aus der Hölle und der auf dem Pferde mit der greulichen Gestalt sei der alte Luzifer selber. Als sie ihn daher auf den Galgen zukommen sahen, liefen sie in großer Angst davon. Er nahm den Leichnam, legte ihn über den Sattelbogen und jagte der Gesellschaft voraus seinem Hause zu. Dort gab er ihnen Geld, zog ihnen die Kutten aus und schickte sie weg, worauf er den Leichnam, so heimlich er konnte, verscharrte. Am Morgen wurde dem Dogen berichtet, der Leichnam sei abgenommen. Der Doge sandte nach den Wachen und wollte wissen, wo der Leichnam hingekommen sei. »Gnädiger Herr«, sagten die Wächter, »heute nacht, es war Mitternacht vorüber, da kam eine große Schar von Teufeln, und unter ihnen sahen wir deutlich den alten Luzifer, der wahrscheinlich diesen Leichnam gefressen hat. Wir sind daher geflohen, als wir eine solche Heeresmacht wegen des Körpers ankommen sahen.« Der Doge sah klar, daß hier ein Trug dahinterstecke, und wurde nur um so begieriger, zu erfahren und zu erkunden, wer der Täter sei.''' Er hielt daher einen geheimen Rat, worin beschlossen wurde, es dürfe zwanzig Tage in Venedig kein frisches Fleisch verkauft werden. Es geschah, und jedermann wunderte sich über diese Bestimmung. Dann ließ er ein sehr schönes Milchkalb schlachten und aushauen zu einem Florin die Libbra und trug dem Verkäufer auf, achtzuhaben auf alle, die davon holten; denn er dachte bei sich so: gemeiniglich sind die Diebe gelüstig; so wird sich denn auch dieser nicht enthalten können, davon zu holen, und die Ausgabe von einem Florin auf das Pfund sich nicht gereuen lassen. Er ließ also bekanntmachen, wer Fleisch wolle, solle auf den großen Platz kommen. Alle Kaufleute und Edelleute kamen um des Milchkalbs willen; da man aber hörte, daß ein Gulden für die Libbra verlangt wurde, nahm niemand davon. Die Kunde verbreitete sich durch die Stadt und kam auch der Mutter Ricciardos zu Ohren. Da sprach sie zu ihrem Sohne: »Es gelüstet mich nach einem Stückchen von diesem Kalbfleisch.« Ricciardo antwortete: »Liebe Mutter, eilt nicht so, laßt erst andere den Anfang machen! Dann will ich Euren Wunsch erfüllen und Euch davon verschaffen. Aber ich möchte nicht der erste sein, der davon nimmt.« Die Mutter indes, die eine unbesonnene Frau war, beunruhigte ihn fortwährend mit ihren Wünschen, und aus Besorgnis, sie möchte am Ende einen anderen hinschicken und kaufen lassen, bestellte er eine Pastete und verschaffte sich eine Flasche mit Opium gemischten Wein, und als es Nacht war, machte er sich einen Bart und eine Kapuze und ging an den Ort, wo das Kalbfleisch verkauft wurde. Noch war das Kalb ganz unangegriffen, und als er gepocht hatte, fragte einer der Wächter: »Wer bist du?« Ricciardo entgegnete: »Könnt Ihr mir wohl sagen, wo ein gewisser Glück wohnt?« Einer von ihnen fragte weiter: »Was für ein Glück?« Ricciardo antwortete: »Seinen Geschlechtsnamen weiß ich nicht; Gott verdamm' mich, daß ich mit ihm zu tun haben mußte.« »Wer schickt dich denn?« fragte ihn ein anderer. »Seine Frau«, versetzte Ricciardo, »sie gab mir die Sachen da, um sie ihm zu überbringen, daß er zu Nacht speise. Aber tut mir doch den Gefallen und hebt sie mir auf, damit ich nach Hause gehe und Genaueres über seinen Aufenthalt erfahre. Ihr dürft Euch nicht wundern, daß ich es nicht weiß; ich bin erst seit kurzem hier.« Da ließ er ihnen die Pastete, das Brot und den Wein und tat, als ob er wegginge, indem er sagte: »Ich komme gleich wieder.« Sie nahmen diese Sachen, und einer von ihnen sagte: »Schau' doch, Glück ist freilich diesen Abend bei uns eingekehrt!« So setzte er die Flasche an den Mund und trank, reichte sie dann seinem Kameraden und sprach: »Zieh! Du hast noch nie besseren getrunken.« Der Kamerad trank, und während sie über den Vorfall plauderten, schliefen sie ein. Ricciardo, der an der Ritze der Tür lauschte, trat, sobald er sie schlafen sah, herein, nahm das Kalb, trug es ganz nach Hause und sagte zu seiner Mutter: »Nun schneidet Euch herunter, soviel Euch gelüstet!« Er zerlegte das Kalb, und die Mutter kochte davon eine große Schüssel voll. Sobald der Doge erfuhr, daß das Kalb gestohlen sei, und auf welche Art man sich bei dem Diebstahl benommen habe, wunderte er sich sehr und nahm sich fest vor, herauszubringen, wer es getan. Er ließ daher hundert arme Leute kommen, schrieb alle namentlich auf und sprach dann zu ihnen: »Geht in alle Häuser Venedigs und tut, als fordertet ihr Almosen, gebt aber acht, ob ihr in keinem Hause Fleisch kochen oder eine große Pfanne am Feuer seht, und seid so zudringlich, daß ihr nicht nachlasset, bis man euch Fleisch oder Brühe gibt. Wer von euch mir solches bringt, dem lasse ich zwanzig Florinen ausbezahlen.« Als nun die hundert Taugenichtse sich in der Stadt umher zerstreuten, um Almosen zu fordern, verfiel wirklich auch einer von ihnen auf das Haus dieses Ricciardo, und als er hinaufkam, sah er deutlich das Fleisch, das jene kochten, und erbat sich um Gottes willen ein Stückchen davon. Die Frau, welche ihre Fülle betrachtete, war unvorsichtig genug, ein Schnitzelchen abzugeben. Der Bettler dankte ihr und sprach: »Ich will Gott für Euch bitten.« So eilte er die Treppe hinunter. Ricciardo aber begegnete dem Armen auf der Treppe, und als er sah, daß er von dem Fleische in der Hand hielt, sprach er zu ihm: »Komm wieder mit herauf, ich will dir mehr geben.« Der Bettler stieg mit hinauf, Ricciardo aber führte ihn in eine Kammer, schlug ihn mit einem Beil auf den Kopf, und als er ihn getötet hatte, warf er ihn in den Abtritt und schloß das Haus. Am Abend kamen alle die Bettler zum Dogen zurück, wie sie versprochen hatten, und jeder von ihnen sagte, er habe nichts finden können. Der Doge ließ sie zählen und sich namentlich ausweisen; da fand er, daß einer fehle, wunderte sich, merkte aber gleich, woran er war, und sagte: »Der ist gewiß umgebracht worden.« Er versammelte den Rat und sprach: »Ich muß fürwahr wissen, wer das ist.« Da sagte einer der Räte: »Gnädiger Herr, Ihr habt es versucht mit dem Laster der Gefräßigkeit, versucht es auch mit dem Laster der Wollust!« Der Doge sprach: »Wer mehr weiß, tue auch mehr!« Es wurden also fünfundzwanzig Jünglinge der Stadt aufgeboten, die durchtriebensten und listigsten und die, welche der Doge am meisten im Verdacht hatte, und einer darunter war dieser Ricciardo. Als sie nun im Palaste behalten wurden, wunderten sie sich, und einer sagte zum anderen: »Warum behält uns denn der Doge hier?« Sofort ließ der Doge in einem Saale fünfundzwanzig Betten aufschlagen, von denen jeder dieser Jünglinge eines zum Schlafen bekam. Mitten im Saale aber ließ er ein prächtiges Bett errichten, in dem seine Tochter schlief, die das schönste Geschöpf von der Welt war. Und jeden Abend, sobald die Jünglinge schlafen gegangen waren, kamen die Kammerfrauen und brachten die Tochter des Dogen zu Bett. Der Vater aber hatte ihr eine Schale mit schwarzer Farbe gegeben und gesagt: »Wer zu dir ans Bett kommt, dem bestreiche das Gesicht, damit man ihn erkennt.« Darüber wunderte sich ein jeder, und keiner wagte, zu ihr zu gehen, denn er dachte: das ist fürwahr eine ernsthafte Geschichte. Ricciardo aber beschloß bei sich, einmal eine Nacht mit ihr zuzubringen, und als Mitternacht vorüber war und er sein Gelüste nicht mehr bändigen konnte, stand er ganz leise auf, ging an das Bett, in welchem sie lag, legte sich ihr zur Seite und fing an, sie zu umarmen und zu küssen. Das Mädchen erwachte, tippte sogleich mit dem Finger in die Schale und bestrich Ricciardos Gesicht, ohne daß er etwas merkte. Als er nun mit dem fertig war, weshalb er gekommen, und das gewünschte Vergnügen genossen hatte, kehrte er in sein Bett zurück und dachte bei sich: »Was hat das zu bedeuten? Was für eine List steckt wohl dahinter?« Nach einer Weile deuchte ihm die Kost schmackhaft, er bekam daher Lust, zu dem Mädchen zurückzukehren, und so tat er denn auch. Als er denn bei diesem Engel des Paradieses lag, kam sie zu sich, bestrich ihn und rieb ihm die Farbe ins Gesicht. Als Ricciardo das merkte, nahm er die Schale, die auf dem Kopfbrett der Bettstelle stand, ging damit überall umher und bestrich die anderen, die in den Betten lagen, ganz sanft, so daß keiner es merkte. Dem einen gab er zwei Striche, dem anderen sechs, dem dritten zehn und sich selbst vier weitere, außer den zweien, die ihm das Kind gemacht hatte. Dann setzte er die Schale wieder an das Kopfende des Bettes, verschaffte dem Mädchen unter großem Genusse einige Kurzweil und kehrte darauf in sein Bett zurück. Am Morgen kamen zeitig die Kammerfrauen an das Bett des Mädchens, um sie ankleiden zu helfen, und geleiteten sie darauf zum Herzog, der sie fragte, wie es gegangen sei. »Gut«, sagte die Tochter, »denn ich habe getan, was Ihr mir aufgetragen. Es ist allerdings einer dreimal zu mir gekommen, und jedesmal habe ich ihn beschmiert.« Der Doge sandte gleich nach den Männern aus, mit denen er sich beraten, und sagte: »Ich habe den guten Freund erwischt und darum habe ich zu euch geschickt; wir wollen miteinander hingehen und nachsehen.« Sie gingen in den Saal und beschauten bald diesen, bald jenen, und da sie alle beschmiert sahen, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus. »Fürwahr«, sagten sie, »das ist der größte Schlaukopf, den man je gefunden hat.« Nur zu gut merkten sie, daß einer die anderen alle beschmiert hatte. Als nun einer wie der andere von diesen Jünglingen sich beschmiert sah, hatten sie untereinander den größten Jubel und Spaß darüber. Der Doge verhörte sie allesamt, und da er nicht ausforschen konnte, wer es gewesen, entschloß er sich dennoch, es herauszubringen. Er versprach also dem, der es gewesen sei, seine Tochter mit einer reichlichen Mitgift zur Ehe, dazu volle Verzeihung, da es nur ein Mann von schärfstem Verstande sein könne. Als nun Ricciardo den Entschluß des Dogen sah und vernahm, ging er insgeheim zu ihm und vertraute ihm alles von Anfang bis zu Ende. Der Doge umarmte ihn und vergab ihm, und unter großen Feierlichkeiten wurde ihm seine Tochter angetraut. Ricciardo faßte wieder Mut und wurde ein so hochherziger, wackerer und tüchtiger Mann, daß fast die ganze Staatsverwaltung in seine Hand kam. So lebte er noch lange in Frieden und geliebt von der ganzen Bürgerschaft Venedigs.
 
-
</poem>}}
 
-
 
-
aus Hanns Floerke (Hg.): ''Liebesnovellen der italienischen Renaissance'', München 1918
 
-
 
-
[[Benutzer:Tilberg|Tilberg]] 11:30, 16. Jul. 2022 (CEST)
 
-
 
-
:Die Fassung des Märchens ATU 1525 hier bei Ser Giovanni um 1378 kennt also schon das Motiv mit den aufgeklebten Kerzen ATU 1740, allerdings nicht auf Krebsen, sondern auf Haken, die an einer Pferdedecke befestigt sind (wie soll man sich das vorstellen?). Dabei ist ATU 1740 allerdings an einer früheren Stelle in ATU 1525 eingebaut worden, denn hier gibt es die Probe mit der Entführung von Pfarrer&Küster nicht. Stattdessen finden sich die Lichter nun bei der List des Diebs, als er den Leichnam seines Vaters rettet, und dort mit dem ursprünglichen Vorgehen - dem Betrunkenmachen der Wachen - seltsam verknüpft (nicht die Wachen werden betrunken gemacht, sondern seine Gehilfen). Wie die Novelle mit dem Grimm/Stertzing-Märchen zusammenhängt, ist allerdings rätselhaft, denn a) ist ATU 1740 im Märchen an einer späteren Stelle und b) wesentlich klarer erkennbar und nicht seltsam verballhornt wie in der Novelle. Zudem sind diese beiden Texte die mir bisher einzig bekannten Verknüpfungen von ATU 1525 und 1740. Sämtliche anderen Fassungen von ATU 1525 in Renaissance und früher Neuzeit haben ATU 1740 nicht! Könnte die eigentlich durchaus naheliegende Verbindung dieser zwei Trickster-Motive in ein- und demselben Märchen vielleicht zweimal passiert sein? Irre!
 
-
:Außerdem erinnert diese Fassung hier natürlich wesentlich mehr an den [[Huckepuck]]-Trick im Mosaik. Haben sich Dräger (und Hegen) also hier doch von einer solchen italienischen Novelle inspirieren lassen und gar nicht vom Grimm'schen Meisterdieb? das könnte sehr gut sein. Die Parallelen zwischen dem Grimm'schen Meisterdieb und Huckepuck sind ja auch nur schwer zu erkennen. Die erzählte Geschichten sind zwar zweifelsfrei verwandt, aber wir müßten schon davon ausgehen, daß Dräger die Grimm-Fassung sehr deutlich umgearbeitet hätte. Falls er stattdessen diese italienische Novelle hier (oder eine andere, die dasselbe Motiv enthält) kannte, was ja gar nicht mal so unwahrscheinlich ist, schließlich spielt die Sache in venedig und er hat ja im Zuge der Runkelserie diverse Bücher und diverse Texte über Venedig zu Rate gezogen, dann hätte er für den Huckepucktrick nicht ganz so viel ändern müssen. Sogar die unterschiedliche Bewertung des Erlebnisses durch die abergläubischen Wachen und den skeptischen Anführer findet sich schon in der Novelle. Spannend! [[Benutzer:Tilberg|Tilberg]] 11:56, 16. Jul. 2022 (CEST)
 

Bitte kopieren Sie keine Webseiten, die nicht Ihre eigenen sind, benutzen Sie keine urheberrechtlich geschützten Werke ohne Erlaubnis des Copyright-Inhabers!

Sie geben uns hiermit ihre Zusage, dass Sie den Text selbst verfasst haben, dass der Text Allgemeingut (public domain) ist, oder dass der Copyright-Inhaber seine Zustimmung gegeben hat. Falls dieser Text bereits woanders veröffentlicht wurde, weisen Sie bitte auf der Diskussion-Seite darauf hin. Bitte beachten Sie, dass das Nutzungsrecht für alle MosaPedia-Beiträge und Beitragsänderungen automatisch auf die MosaPedia übergeht. Falls Sie nicht möchten, dass Ihre Arbeit hier von anderen verändert und verbreitet wird, dann drücken Sie nicht auf "Speichern".


Abbrechen | Bearbeitungshilfe (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

Folgende Vorlagen werden von dieser Seite verwendet:

Persönliche Werkzeuge